#pingback_juni2016: Fintech trifft auf die Grenzen der alten Welt

Der vergangene Monat hat gezeigt, wie schnell neue Technologien und Geschäftsansätze (gerne auch „Disruption“ genannt) auf die Grenzen der „alten Welt“ treffen. Als harter Schlag für die Fintech-Welt könnte sich die Brexit-Entscheidung herausstellen. Das unangefochtene Sprungbrett in die Fintech-Welt ist (oder war?) London. Es verbindet den EU-Raum mit den USA, es ist die Finanzdrehscheibe Europas. Durch die sprachliche Nähe ist es der ideale Anknüpfungspunkt mit den USA. Dem Umfeld, in dem sich Internetinnovationen weltweit am besten entwickeln, in dem bedeutende Plattformen für verschiedenste Zukunftsmärkte entstehen. Der Brexit zwingt nun zum Umdenken und zur Neuorientierung. Ausweichstandorte gibt es. Die Eigenschaften der britischen Hauptstadt vereinen sie aber alle nicht so perfekt in sich. Erst einmal dominiert die bremsende Ungewissheit – Demokratie stoppt Disruption.

number26: „old-fashioned“ Bargeld wird zur Hürde

Auch in Deutschland hat sich gezeigt, wie schnell der Wunsch nach Veränderung auf die Gegebenheiten des Marktes trifft. number26 ist einer der Shooting-Stars der Fintech-Welt. Das Unternehmen bietet ein digitales Girokonto an. Gesteuert über eine Smartphone-App ist das Konto überall dabei. Es gibt kein teures Filialnetz, das finanziert werden muss. Mehr als 100.000 Kunden haben sich bereits für das Angebot entschieden. Aktuell wurden 40 Millionen Dollar eingeworben, der Ausbau zur Vollbank scheint das Ziel zu sein. Noch mehr Unabhängigkeit von fremden Strukturen soll erreicht werden. Genau in dieser Phase kam es zu einer Reihe von Konto-Kündigungen, die in Windeseile eine Spur der Aufregung durch die sozialen Medien gezogen haben. Die anfängliche Vermutung bestätigte sich. Aufgrund zu häufiger Nutzung kostenloser Bargeldabhebungen wurde die Geschäftsbeziehung mit besonders aktiven Kunden beendet. Wer über Bargeld verfügen möchte, verursacht damit bis zu zwei Euro Kosten. Ein kostenloses Kontomodell gerät damit schnell in den Grenzbereich des Möglichen, Technologie hin oder her. Da Sichteinlagen keinen Ertrag mehr bringen und Dispozinsen immer weiter sinken, fehlt die Refinanzierungsmöglichkeit. Das Unternehmen bestätigte nach einiger Zeit die Vermutungen und möchte nun mit einer „fair-use-policy“ und der Erweiterung um (ertragreicheres) Produktangebot gegensteuern. Das Aufeinandertreffen von Technik und Nutzerverhalten zeigt: schnell werden alte Spielregeln und die Gewohnheiten der Kunden zur Hürde.

knip und die Altersschallmauer

Eine ähnliche Marktreaktion erzeugte auch knip, Anbieter einer Versicherungs-App, und von vielen Marktteilnehmern kritisch beobachtet. Das Unternehmen hat einen neuen Technologie-Vorstand berufen. Nichts ungewöhnliches, wäre da nicht das Alter. Erst 19 Jahre alt soll er die Verantwortung für die weitere Entwicklung der App übernehmen. Technischer Überflieger? Marketing-Gag? Akzeptiert von der Finanzwelt? Nicht ernst nehmbar? Innerhalb kürzester Zeit wurde lebhaft im Netz diskutiert. Ich kann und möchte keine Einordnung hinsichtlich der fachlichen Kompetenz und der für diesen Bereich notwendigen Führungskompetenz treffen. Für mich ist die Reaktion ein weiteres Beispiel, wie Welten mit unterschiedlicher Vorstellung in Berührung kommen. Während in der etablierten Finanzwelt erst Altersschallmauern durchbrochen werden müssen, um überhaupt in die nähere Auswahl kommen zu können, werden bei Start-ups schnell und pragmatisch Entscheidungen getroffen. Vieles erinnert dabei aber an die Zeit der New-Economy, die sehr schnell viele ihrer Kinder (und vor allem ihre jungen Gründer) wieder gefressen hat. Trotz allem: einige haben überlebt, die dann angefangen haben, die Welt radikal zu verändern.

Das Erreichen der Grenzlinien geht weiter. Fintech und Insurtech gewinnen zunehmend an Größe, die Berührungspunkte mit den etablierten Marktteilnehmern werden mehr. Lange Zeit wurden Schreckensbilder an die Wand gemalt, nun zeigen sich echte Auswirkungen. In vielen Bereichen werden neue Entwicklungen an den Hürden scheitern, die Nutzer durch das Festhalten an ihrem Verhalten verursachen. Vieles wird sich dennoch ändern. Sicher nicht so schnell wie oft befürchtet, aber es wird kommen.

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